Rechnen lernen ...

Kinder verfügen schon sehr früh über einen mathematischen Sinn. Mit vier Jahren fangen viele Kinder an, sich für Schrift- und Zahlensymbole zu interessieren. Sie zählen später dann die Kekse auf dem Blech, die Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte, zählen die Brezeln aus der Bäckertüte, die Knöpfe der Jacke oder die Kieselsteine am Wegrand.

Sie addieren auch plötzlich Zahlen und all dies nicht, weil sie es tun müssen, sondern aus Freude an dieser Übung.

Wenn wir diese großartige Gelegenheit des Lernenwollens beim Schopfe packen, diese sensible Phase unseres Kindes erkennen, ihm nun erlauben, vielfältige Erfahrungen mit Mengen zu machen, so schaffen wir die besten Voraussetzungen für ein lebensbezogenes, kindgemäßes Lernen.

Die vielen neugierigen Fragen sind kein Ausdruck kindlichen Eigensinns, sondern der Drang nach spontaner Aktivität und Lernerfahrung.


Um diesem Aspekt Rechnung zu tragen, haben wir uns in unserem Kinderhaus dieser Form lebensbezogenen Lernens sowie dem strukturierten mathematischen Material von Maria Montessori zugewandt. Für den Beginn der Mathematik gibt es laut Montessori-Pädagogik keine Altersgrenze.

„Das Kind beginnt immer dann sich für etwas zu interessieren, wenn es sich stark genug dafür empfindet.“

Für Montessori ist Mathematik kein Sonderphänomen, das manche verstehen und andere wiederum nicht, sondern „Mathematik gehört zum Menschen“.

Der mathematische Bereich im Kinderhaus bietet in einer geordneten Linie die montessorischen Originalmaterialien sowie eine ganze Reihe gut durchdachte und für das Kind logisch erfahrbare, selbst erarbeitete Übungen, die von der leichtesten auf die höchste Stufe des Rechnens führen.

Kinder werden hier nicht auf Leistung getrimmt, sondern finden ein kindgerechtes, ganzheitliches Lernangebot. Auf Anfrage und gewecktes Interesse, ist der Erzieher und Begleiter für die vielen Fragen gewappnet.

Der mathematische Bereich grenzt in unserem Kinderhaus an das Wortstudio und bildet zusammen eine Einheit lernerzieherischer Tätigkeit. In einem gediegenen und von Ruhe getragenen Rahmen arbeiten unsere Kinder oft lange in hoher Konzentration, ob rechnerisch oder schreibtechnisch. Kinder besitzen die Fähigkeit, sich durch nichts stören zu lassen. So entsteht eine tiefe, von innen kommende Bindung an ein Material oder an eine Übung. Dies fördert die Wiederholung einer Tätigkeit und ermöglicht das tiefe Eindringen und Verweilen bei diesem Lernschritt auf freiwilliger Basis. Das Kind lernt und ist sein Autodidakt.
Die Mathematikmaterialien bauen auf Bekanntes auf. So sind die Numerischen Stangen eine Weiterentwicklung der Roten Stangen aus den Sinnesmaterialien. Das Kind sieht, greift, spürt und begreift. Es erfühlt anhand der Sandpapierzahlen die Symbole und folgt der Ziffernspur. Es zählt mit Perlen, es rechnet mit den Spindeln des Spindelkastens, es erfasst die Menge im Zehnerbereich. Darauf folgend erobert es mit Hilfe der Seguintafel I und II den Zahlenraum von 11 bis 99.

Für Maria Montessori ist Mathematik nicht gleichbedeutend mit Zählen und Rechnen.
„Vielmehr geht es darum, das Zahlensystem zu erfassen und zu verstehen.“

Sobald ein Kind im Zehnerbereich Zusammenzählen, Wegnehmen und Verteilen kann, gibt es einen Sprung in den Bereich drei- und vierstelliger Mengen. Mit Hilfe des Goldenen Perlenmaterials können z. B. zehn goldene Perlen in ein goldenes Zehnerstäbchen, zehn goldene Zehnerstäbchen in eine goldene Hunderterplatte und schließlich zehn goldene Hunderterplatten in einen goldenen Tausender Kubus getauscht werden.
Bei einem für Kinder so wichtigem und ideal konzipiertem Material wie das von Maria Montessori kommt man leicht ins Schwärmen. Jedoch würden hier weitere Ausführungen den Rahmen unserer Konzeption sprengen.
Eines können wir aber versprechen: Ihr Kind wird sicherlich freiwillig, offen und interessiert sich diesem Material zuwenden und sich darin vertiefen.
Auf die oft berechtigt gestellte Frage, ob sich Kinder später von dieser Rechenhilfe lösen können, antwortet Maria Montessori folgendermaßen:

„ Wenn das Kind Rechenoperationen hinreichend oft ausgeführt und diese dadurch verinnerlicht hat, wird es versuchen, den kürzesten Weg zum Ergebnis mit dem kleinsten Aufwand zu finden: Es wird das Material beiseite lassen und die Aufgabe ohne diese Hilfe lösen wollen“
(Maria Montessori, Psychoarithmetik, S. 103).